20. April 2015

Er stand am Fenster und kaute auf der Unterlippe. Schließlich drehte er sich um. Er sah sie mit sorgenvollem Gesicht an, als würde er gleich etwas sehr Unangenehmes sagen. Tat er aber nicht. Er schwieg.

19. April 2015

„Berlusconi will Italien verlassen.“
„Der hat doch vor Jahren schon getönt: ‚In einigen Monaten gehe ich weg, verlasse ich dieses Scheißland, das mich anekelt’.“
„Ich begreife nicht, wie man so einen zum Ministerpräsident machen konnte.“
„Wieso nicht? Caligula wollte sein Pferd zum Konsul ernennen!“
„Das kann ich ja noch verstehen!“

17. April 2015

Wie er das nur hinkriegt, dass kein Haar 
aus der Reihe tanzt. Wie ein frisch gesaugter 
Teppich liegt es auf seinem Schädel.

16. April 2015


Sie hatte keine Ahnung, was er sagen würde. Sie wusste nur eins: Entweder er würde den Kopf schütteln und fragen, was der Blödsinn soll, oder er würde das sagen, was er tatsächlich jetzt sagte: Mach was du willst! Aber jammere mir anschließend nichts vor!

15. April 2015




Während er nach der Flasche  griff und sich einen Schluck Rotwein einschenkte, zog das Schiff vorüber. Seine schwarzen Rauchschwaden flogen dorthin, wo das Schiff eben noch war. Mit wachsender Entfernung wurden sie luftiger.

14. April 2015

„Was die demokratische Stimmung und die Wühlereien unter der Bevölkerung von Stadt und Umgegend betrifft ... so können wir meiner Überzeugung nach diesen Gefahren erst dann mit Erfolg entgegentreten, wenn wir diesen Teil von Deutschland einer militärischen Diktatur ohne jede Rücksicht auf gerichtliche Formen unterwerfen.“ 
Gemeint war Frankfurt am Main. Der Satz wurde nicht von Goebbels niedergeschrieben, sondern am 14. April 1853 von Bismarck in einem Brief an den Minister Manteuffel.

13. April 2015

Mit weit ausgestreckten Armen kam sie auf ihn zu, diese Schlange, und einem breiten, aufgesetzten Lächeln, als wollte sie sagen, sie sei ja ach so glücklich, ihn endlich wieder einmal zu sehen. „Komm her“, flötete sie und drückte ihn an sich. Wenn sie wenigstens den Mund gehalten hätte, sagte er nachher, immer noch verärgert, dass er ihr Spiel mitgespielt hatte. 

12. April 2015



Stets war es die gleiche Strecke, die sie liefen, bei Nässe auf dem Wirtschaftsweg, und war es trocken, dann durch den steilen Rieslingwingert hinauf bis zum Kamm, wo sie sich auf die Bank unter dem Nussbaum setzten und ins Rheintal schauten. Es ging nicht darum, Strecke zu machen, es ging darum, beim Gehen zu denken und beim Denken zu gehen. 

11. April 2015

Könnte es sein, dass überbordende Fremdenfreundlichkeit in Wahrheit das verzweifelte Bemühen ist, gegen das eigene und tief verankerte Überlegenheitsgefühl anzukämpfen?

10. April 2015

Wie ein eingespieltes Duo wurden sie gleichzeitig fertig. Zufrieden griffen sie zum Glas und prosteten sich zu. Der mit der Lederjacke beugte sich vor und sprach leise auf den anderen ein, der sich seinem Grinsen anschloss. Nach einem Schluck Äppelwein wurde seine Stimme etwas lauter. „Sage mer mal so“, sprach er, „genügsam, sparsam, ausgegliche. Was willste mehr?“ Es ging, wie sich im weiteren Gespräch herausstellte, nicht um eine Bergziege.

9. April 2015

Im Lauf der Jahre hatte die Gewissheit, schon von Kindheit an der Benachteiligte zu sein, tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Wenn er Rad fährt, kommt der Wind immer von vorne, und wenn er wendet, wendet auch der Wind. Wird einer von einem Hund angepinkelt, ist er es, selbst wenn zwanzig Mann um ihn herum sitzen. Und das kleinste Schnitzel, wenn sie mit dem Kegelclub auf Jahresausflug sind, kriegt sowieso immer er. Manche, die seine Eltern kannten, meinen, sie hätten ihn freudlos gezeugt. Was Genaues weiß keiner, vermutlich nicht einmal seine Frau, die ihm von Jahr zu Jahr ähnlicher sieht. Bald wird man sie für ein Zwillingspaar halten.

8. April 2015

Eine kapriziöse Laune war das nicht, es war der versteckte Hinweis, dass sie sich zurückziehen würde. Was ihn nicht allzu sehr überraschte, weil er sie kannte, und weil auch er mit dem Gedanken gespielt hatte. Trotzdem es ihn schmerzte, war er erleichtert, dass sie es war, die die Entscheidung getroffen hatte und nicht er. Es war höchste Zeit, den Klempner anzurufen. Der Wasserhahn im Bad tröpfelt schon seit Wochen, wenn nicht gar Monaten. 

7. April 2015

Der BMW fing mit einemmal an zu jaulen. Die Passanten, die aus zwei Richtungen kamen, verzögerten ihre Schritte und blieben stehen. Verstört sahen sie sich an. Ein junger Mann löste sich aus der Ansammlung, die sich gebildet hatte, und ging entschlossen auf den Wagen zu. Er drückte die flache Hand wie einen Schirm gegen die Stirn und schaute auf der Fahrerseite ins Innere. Nach einer Weile  drehte er sich um und zuckte mit den Schultern. Stumm setzten die Leute ihren Weg fort.

6. April 2015

5. April 2015

„Beim heutigen Stand der Technik müsste man doch in der Lage sein, einen Flieger zu bauen, der jedes technische und menschliche Versagen ausschließt?“
„Aber ob der abheben könnte –?”

4. April 2015

Immer wieder benennt sie die Gegensätze. Aber nicht als gegebene Tatsache, sondern als Vorwurf, dass er nicht so ist wie sie.  

3. April 2015

Es war ihm, als würde er die Arme um einen Laternenpfahl schlingen, wenn er sie an sich zog, was er auch bald seinließ, wie er sagte, und dabei bedauernd mit den Schultern zuckte.