15. Mai 2015

„Damals war es ihr Mann, der neben ihr saß. Heute war ich es. Es war mir ziemlich peinlich, als ich ihn hereinkommen sah. En passant gab er ihr einen Wangenkuss und mir reichte er die Hand. ‚Ich plane ne Gruppenausstellung. Könnte interessant sein für dich. Ich ruf dich in den nächsten Tagen an’, sagte er. Ob ich je so souverän sein könnte?“ Erich sah mich an und rieb sich verlegen die Nase. Ich wäre es wahrscheinlich nicht. 

14. Mai 2015

Seine Frau habe immer das letzte Wort, beklagte er sich. Da ich sie schon viele Jahre kenne, und sie mich oft genug genervt hat mit ihrer Rechthaberei, konnte ich ihm nicht widersprechen. Ich ergänzte, sie habe auch das vorletzte. Das allerdings hätte ich mal besser bleiben lassen. Er wechselte sofort das Thema und schaltete auf Angriff. Was das denn für eine Tusse gewesen wäre, mit der er mich neulich gesehen hätte? Ergo: Wenn ein Mann sich über seine Frau beklagt, dann Mund halten! Höchstens bedenkenschwer mit dem Kopf wackeln, das kann nämlich Zweifel wie auch dezente Zustimmung bedeuten, je nachdem wie er es verstehen will.

13. Mai 2015

In einem sind sich Christ und Muslim einig:

„So lange wir in der Minderheit sind, achten wir das Grundgesetz.
Hassan Dabbagh (Vereinsvorsitzender und Imam der Leipziger Al-Rahman-Moschee)

„Toleranz predigt der Islam immer nur dort, wo er in der Minderheit ist.“
Joachim Kardinal Meisner (von 1989 bis 2014 Erzbischof von Köln)

11. Mai 2015





Es war vor vielen Jahren, als ich gegen Mitternacht mit Maik aus dem Jazzkeller kam und er darauf bestand, mich in ein Puff mitzunehmen. Ich sollte endlich meine Scheu überwinden, er sei doch bei mir, versuchte er mich zu überzeugen. Und schließlich sei er dort bekannt wie ein bunter Hund, was ich allerdings für eine seiner typischen Übertreibungen hielt. Nach einem kurzen Zögern hatte die Neugier meine Scheu besiegt und wir machten uns auf den Weg ins Ostend. Aufmunternd tätschelte er mir die Schulter und läutete. Ein kompakter Typ, Marke Bodyguard, öffnete und hieß uns mit einer knappen Handbewegung willkommen. Vor uns tat sich ein Raum auf, in dem sieben, acht Frauen gelangweilt herumsaßen, ungewöhnlich gut aussehende Frauen in raffinierten Dessous. Der Duft allein schon, der uns entgegenkam, verriet, dass dies nur ein Etablissement der Sünde sein konnte. Maik setzte sein breitestes Grinsen auf und streckte die Hände aus wie ein Dirigent, der zum Einsatz auffordert. Und tatsächlich schallte es im Chor: „Mensch Maik!“ Triumphierend sah er sich um nach mir. Nein, dieses Mal hatte er nicht übertrieben. Das ging mir durch den Kopf, als ich dieser Tage an der Baustelle vorbeikam, wo bis vor ein paar Monaten das Sudfass stand, Frankfurts edelstes Puff. Schade, dass du dich so früh vom Acker gemacht hast, alter Freund. Es war nie langweilig mit dir.

10. Mai 2015

Schon seit Wochen kocht der Boulevard. Immer die gleichen Verlautbarungen, nur jedes Mal ein bisschen anders verpackt, am Anfang mit  Fragezeichen, dann mit Punkt, danach mit einem und schließlich mit drei Ausrufezeichen. So verwandelte sich Spekulation in die unumstößliche Gewissheit, dass die Herzogin von Cambridge einem Mädchen das Leben geschenkt hat. Seit dem 2. Mai wird nur noch gejubelt.

9. Mai 2015

Als ließe man den Motor laufen, wenn man auf jemand wartet.

Kaum hatte er den Fuß auf die letzte Stufe gesetzt, erhob sich hinter den Kleiderständern, verlegen lächelnd, eine junge Frau von ihrem Hocker, hastig gefolgt von ihrer älteren Kollegin. Wie unsinnig, dem Personal zu untersagen, sich hinzusetzen, wenn es nichts zu tun gibt.

8. Mai 2015

Sie hat den trägen Blick einer femme fatale, der einem Mann Versprechungen macht, die seine Fantasien ins Uferlose treiben.

7. Mai 2015

Der Metzger verpackt das Steak und reicht es mir über die Theke. „Viel Spaß“, wünscht er mir. Viel Spaß –? Ja denkt der denn, ich will damit spielen? Oder hat der etwa Portnoys Beschwerden gelesen?

5. Mai 2015

Palermo

Die Jäger leben in Kasernen. Bevor sie das Terrain verlassen, steigen sie in schwer gepanzerte Wagen. Nicht einmal einen Hut dürfen sie sich ohne Personenschutz kaufen. Die Gejagten leben auf freiem Fuß. Droht ihnen Gefahr, verduften sie sich zu ihren Landsleuten nach Deutschland und kneten Teig in deren Pizzerien, bis die Luft wieder rein ist. Nach Erkenntnis der palermitanischen Antimafia-Staatsanwaltschaft ist Deutschland das bevorzugte Land für Schläfer der Mafia. Weil man sie hier in Ruhe lässt.

4. Mai 2015

Pfaffen sollen beten und nicht regieren.

Bestimmt wird sich jetzt einer melden, der behauptet, Martin Luther habe das ganz anders gemeint.

3. Mai 2015

Er hieß Althaus, an seinen Vornamen kann ich mich nicht erinnern. Volle, runde Lippen hatte er und ein pockennarbiges Gesicht, und immer eine Gauloise im Mundwinkel, auch wenn er sprach. Einen Tag bevor er heiratete, sagte er zu seiner Geliebten, die zu ihrem Mann zurückgekehrt war: Wenn ich am Altar stehe und die Glocken läuten, denke ich an Dich. So hat es mir meine Mutter erzählt.